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21. September 2007

Am 20. September war der (unvermeidbare) Zeitpunkt gekommen - Abschied von einem Jahr Indien, Freunden, einem anderen Leben, neuen Erfahrungen,…
Seither bin ich wieder in Deutschland und um viele Erfahrungen, ein super Jahr und schöne Erlebnisse reicher.

Vielen Dank an alle!

Tobi & Elefant

Mein Freund und Haustier.

7. Rundbrief - Ende gut, alles gut.

5. September 2007

Indien, wie es leibt und lebt.

Was so in Indien passiert…
Vor 15 Jahren, 1992, wurde eine Nonne tot in einem Brunnen vor dem Konvent (in Kerala) gefunden. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. Inzwischen musste die Polizei auf Anweisung des Gerichts den Fall wieder aufnehmen. Das besondere daran ist aber nicht, dass der Fall nach so langer Zeit immer noch nicht aufgeklärt ist, sondern dass möglicherweise Kerala den ersten offiziellen Skandal mit Priestern bekommt. Angeblich gibt es einige Unstimmigkeiten mit Priestern und Schwestern im Konvent, so sollen 2 Pfarrer des öfteren nachts zum Konvent gekommen sein. Interessant sind auch die Ermittlungsmethoden. In besonderen Fällen ist es erlaubt, ein Wahrheitsserum zu benutzen, d.h. die Person wird dann unter Drogeneinfluss befragt.

http://www.dnaindia.com/report.asp?NewsID=1119820
Das ist auch Indien. Mit großer Sicherheit hat der Mann ein 4-jähriges Kind umgebracht. Im Gegenzug wurde er kurzerhand von einem wütenden Mob (in Anwesenheit der Polizei) gelyncht.

Auch noch sehr interessant zu lesen, einige Berichte aus den letzten Tagen, was so in Indien (hauptsächlich im Norden) passiert ist.

http://nosianai.blog.de/2007/08/31/eine_faust_voll_indien~2899018

Beispielsweise wurde ein Junge, der eine Goldkette stahl, erstmal ordentlich von einem Mob verprügelt. Ein Dieb muss natürlich auch die Konsequenzen des Gesetzes spüren und so kam selbstverständlich auch die Polizei. Aber anstatt Salim, den Jungen, zu verhaften, haben die zwei Herren der Polizei einfach mal mitgemacht. Kostet ja nix und macht sicherlich auch Spaß, den Jungen an das Motorrad des Polizisten zu binden und durch den Dreck zu schleifen, bis er fast stirbt.
Die Polizisten wurden supendiert und müssen sich innerhalb von 4 Wochen erklären. 4 Wochen Zeit, sich eine einigermassen passable Geschichte auszudenken…

Das Video gibt es hier: http://www.ibnlive.com/videos/47578/.html

Heiraten in Indien
Und noch eine Sache, um die seriösen Heiratsvermittler in Indien noch schlecht zu machen:
Heute war (wieder einmal) ein Bericht in der Zeitung über Heiratsvermittler, die armen Familien irgendwelche wundervollen Versprechungen machen wie der Ehemann hat einen guten Beruf, ein eigenes Haus, Schönheit ist für ihn nebensächlich, etc. Ich weiß nicht, wie naiv die Familien sind, die das glauben. In diesen Fällen kommen die Ehemänner alle aus Tamil Nadu, dem Nachbarstaat von Kerala. Dort sind die Lebenskosten allgemein geringer und so verlangen diese noblen Herren natürlich auch weniger Mitgift als ihre Konkurrenten in Kerala. (Ein Mädchen) Eine junge Frau, die so verheiratet wurde, wurde praktisch versklavt. Als erstes hat der Ehemann ihr den Schmuck weggenommen. Dann wurde ihr verboten, mit anderen Menschen zu reden. Dann musste sie die ganze Hausarbeit erledigen. Dann durfte sie nur die Reste essen. Dann wurde sie geschlagen. Irgendwann ist sie dann wieder zu ihren Eltern zurückgekehrt. Nicht zu vergessen, dass sie immer noch mit dem Mann verheiratet ist. Und dass Scheidung oder gar eine Klage vor Gericht den Ruf der Familie beschmutzt.
Auf diese Weise wurden 2005-06 50 Frauen an Männer in Tamil Nadu „verkauft“ und verheiratet. 10 sind inzwischen zu ihren Eltern zurückgekehrt. Eine Frau hat sich umgebracht. Geld für einen Anwalt haben diese Leute nicht. Sie haben schon ihr ganzes Geld mit der Mitgift „verpulvert“.

DAS ist auch Indien. DAS ist auch Alltag für viele Menschen.
Warum sich niemand darum kümmert? Ja warum auch? Das macht doch nur Probleme. Und wer seine Stimme zu laut erhebt, landet möglicherweise im Gefängnis. Oder wird selbst Opfer.
Aber der eigentliche Grund ist simpel: „Das ist doch nicht mein Problem.“ Inder sind Problemverweigerer.

Ich wollte einfach auch mal die andere Seite zeigen, die Seite, über die man sonst kaum etwas erfährt, die aber leider Realität ist. Nicht dass mir jemand noch unterstellt, ich möchte den Indern noch „ans Bein pinkeln“, bevor ich wieder zurück nach Deutschland komme. :)

Und das Leben geht weiter…
Sonst gibt es auch erfreuliches zu berichten. Am Samstag, 8. September wird in Aryanad bei Pfarrer Rufus ein Altersheim eingeweiht, an dem die Bauarbeiter gerade noch die letzten Arbeiten verrichten, damit es wenigstens für die Einweihung fertig „aussieht“. :) Es fehlt hauptsächlich noch die Inneneinrichtung.
Heute hat es wieder angefangen, ordentlich zu regnen.
Seit Ruben, mein Nachfolger, hier ist, war ich viel mit ihm unterwegs, um ihm ein bisschen Land und Leute zu zeigen.

Independence Day
Am 15. August war auch wieder der große Tag der Inder, Independence Day, der Unabhängigkeitstag. Auf einmal waren die Straßen voll mit indischen Flaggen. Traditionsgemäß wurde auch morgens im Bischofshaus vom Bischof die indische Flagge gehisst, danach wurde die Nationalhymne gesungen und es wurden Süßigkeiten verteilt.

Neujahr & Onam 2007
Dieses Jahr kam es auch schon sehr früh, der August war praktisch ein einziger Feiertag :) Und zwar Onam, „Weihnachten“ in Kerala. Eigentlich ist es das Erntedankfest der Inder in Kerala, das vermutlich das einzige Fest ist, dass alle feiern, egal welcher Religion sie angehören, egal welcher Kaste, wieviel Geld sie haben, etc. Es ist auch glaube ich die einzige Zeit, in der die Läden hoffnungslos (und wirklich hoffnungslos) überfüllt sind, eine Zeit, in der Inder abends auch nach Einbruch der Dunkelheit noch einkaufen gehen. Es ist ja schon normal, dass vor den Alkoholläden schlangen sind, aber solche Schlangen habe ich noch nicht gesehn, die waren länger als vor jedem anderen Laden. Das hier niemand Alkohol trinkt, ist wohl die am weitesten verbreitete Unwahrheit. :)

Am 17. August unserer Zeitrechnung war Neujahr nach dem Malayalam-Kalender. Onam beginnt immer am 10. Tag des neuen Jahres. Dieses Jahr war der 26. August der erste offizielle Feiertag. Der 27. August heißt Thiruvonam und ist der wichtigste Tag. An diesem Tag gibt es Onasadya, ein Festessen mit jeder Menge Curries, Beilagen, verschiedene Payasam (Nachtisch), serviert auf einem Bananenblatt. Aber alles vegetarisch! Gegessen wird auf dem Boden, das ist ein wenig anstrengend und auch nicht so einfach, vor allem wenn der Nachtisch zu flüssig ist und er partout nicht auf der Hand bleiben will. :)
Der 28. und 29. August sind auch Feiertage. Während dieser Tage und vor allem Abende ist in den Städten jede Menge los, es gibt viele Veranstaltungen. Alles ist sehr bunt beleuchtet, es gibt rießige Lichterfiguren, etc. Ganz Kerala scheint auf den Beinen zu sein.

Wenn ich gehen Ende diesen Monats dann mit Father Rufus nach Deutschland komme (er kümmert sich um die Tickets, hat allerdings sein Visum noch nicht), dann ist auch gar nicht mehr viel Zeit bis zum Studium. Ab Oktober studiere ich dann an der Uni Stuttgart Wirtschaftsinformatik. Wer damit nichts anfangen kann: http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftsinformatik

Für mich heißt es jetzt noch letzte Arbeiten erledigen, Briefe fertig zu übersetzen und mich von vielen Leuten zu verabschieden… Und jedem zu versprechen, dass ich auch irgend wann mal wieder komme :)

Ich verabschiede mich dann schonmal bei allen in Deutschland, bei allen, die meine Rundbriefe und sonstigen Berichte lesen und gelesen haben, die sich nach mir erkundigt haben, mir Grüße ausgerichtet haben, Mails geschrieben oder angerufen haben, oder auch mit mir geredet haben :)
Und ich bedanke mich dafür bei euch allen, für jede Art von Unterstützung und Kontakt, egal mit wem, egal von wo, egal wie oft.
Für mich war es ein super Jahr, in dem ich wirklich viel gesehen, erfahren, ge- und erlebt und gelernt habe.
Valare nanni. (Vielen Dank.) Pinne kaanam. ( Wir sehen uns später/bald.)

Alles Gute und die letzten Grüße nach Deutschland!
Tobias

noch ein paar Bilder

20. August 2007

Noch ein paar Bilder durch die Bank.

Bild einer HochzeitBischof Vincent Samuelstrenge Geschlechtertrennung während des Gottesdienstes - eine Seite Frauen, die andere Seite Männer.hier die Männerseite in der Kirche.Empfang bei einem FestHochzeitDie südindische Trendsetter ;)Die TeeplantageKanyakumari - an der Südspitze

Monsoon-Zeit

3. August 2007
netter Besuch bei mir im Zimmermeine Standardausrüstung - Schirm gegen Regen oder Sonne, Schlappen und ne Taschemein Baby :)Somatheeram Beach - mein Lieblingsstrand...

6. Rundbrief - News

31. Juli 2007

… ok, fast vollbracht. Noch 2 Monate, bis ich wieder nach Deutschland zurückkomme.
In den letzten 3 Wochen war ich ziemlich beschäftigt. Zusammen mit Father Rufus und Schwester Georgina haben wir die Steuererklärung für den gemeinnützigen Verein, über den die ganze Hilfe für die Menschen läuft, fertig gemacht. Das war mal eine heiden Arbeit. Zum einen musste es sehr schnell gehen, weil der Regierung in Delhi plötzlich eingefallen ist, dass sie die Sachen schon Ende Juli haben möchte (anstatt irgendwann Ende September wie im letzten Jahr) und zum anderen waren es jede Menge Rechnungen, die ich alle aufschreiben musste. Wir haben das noch schön ordentlich ohne Computer gemacht, also alles in Bücher geschrieben und die ganzen Berechnungen mit dem Taschenrechner gemacht.
In der letzten Nacht habe ich dann 3 h geschlafen, bin aufgestanden und hab weitergemacht :)
Jetzt ist aber alles fertig… und ich auch :)
Zwischendrin war ich noch einen Tag am Strand, allerdings kann man nicht mehr richtig baden, weil die Saison vorbei ist, d.h. die Wellen sind relativ hoch und vor allem die Strömung ist stark. Aber war trotzdem schön, mir gefällt der Strand. Leider hab ich hier grad keine Bilder.
Je nach Bedarf unterrichte ich auch grad in der Grundschule in Aryanad einfach mal kreuz und quer, d.h. Mathe, Englisch, Naturwissenschaften, Allgemeinwissen, Malen bei den ganz Kleinen, also praktisch alles bis auf Malayalam und Hindi :)
In Kerala geht gerade eine ziemlich starke Fieberwelle rum, deshalb sind auch viele Lehrer und Schüler krank. Letzten Freitag war schulfrei, weil fast alle Lehrer krank waren.
Inzwischen ist es die meisten Tage sehr kühl. Die Regenzeit hat begonnen und es regnet fast jeden Tag ein bisschen, manchmal auch sehr sehr heftig. Das hat auch zu ziemlichen Überschwemmungen in vielen Staaten in Indien geführt und der Wetterumschwung bringt auch viele Krankeiten mit sich.
Es sterben auch leider viele Menschen an Fieber, viele auch weil sie entweder falsch oder nicht ausreichend versorgt werden.
Hier in Aryanad (das ist ein Dorf) sind letzte Woche zwei Menschen an Fieber gestorben, von denen ich mitbekommen habe. Eine im 6. Monat schwangere Frau, die noch ein kleines Kind hatte und ein anderes kleines Kind, das eine falsche Infusion bekommen hat.
Das war ein Skandal hier und daraufhin wurden viele selbsternannte “Krankenhäuser” in Aryanad und nährer Umgebung geschlossen. Einige haben überhaupt keine Medizinkenntnisse oder z. B. eine Apothekerausbildung und nennen sich einfach Arzt und behandeln Menschen. Das kümmert auch keinen – bis wieder etwas passiert und z. B. jemand stirbt. Allerdings ist das dann meistens nach ein paar Tagen wieder vergessen.
Das ist einfach ein Problem in Kerala, politisch passiert eigentlich nur etwas, wenn es wieder einen Skandal oder ein größeres Ereignis gibt. Munnar ist ein Touristengebiet in den Bergen, d. h. es gibt jede Menge Hotels dort. Wie es hier üblich ist, sind die meisten nicht legal entstanden und es ist irgendwohin Geld geflossen. Das war viele Jahre kein Problem aber auf einmal sind die Hotels dort der (kommunistischen) Regierung ein Dorn im Auge und so haben sie einfach alle Hotels abgerissen, die nicht ordnungsgemäß gebaut wurden. Dann ist noch der Chiefminister gekommen und hat auch noch ein bisschen vor den Kameras mitgemacht.Aber ansonsten geht das Leben hier munter weiter, das ist mit Sicherheit kein Schlag gegen Korruption sondern einfach mal ein bisschen offentlichkeitswirksames Politikergehabe.
Im April hat die Bundesregierung in Indien einen Bericht veroeffentlicht, laut dem 2 von 3 Kindern (zw. 5 und 18 Jahren) koerperlich misshandelt, d.h. meistens geschlagen wurden. Eigentlich kein Wunder, da Pruegel mit dem Stock vor allem auf dem Land noch als beste Erziehungsmethode gelten, vor allem in der Schule.
Ca. die Haelfte wurde schonmal sexuell missbraucht, insgesamt ein Fuenftel ernsthaft, also z. B. Vergewaltigung.
http://www.keralatips.org/2007/04/17/child-abuse-in-india-and-kerala-2007-report/
Hier ist es allerdings ein absolutes Tabu, ueber so etwas zu reden, deshalb kommen solche Dinge praktisch nicht ans Licht. Auch gebietet es der Respekt gegenueber aelteren, wie z. B. Eltern, dass nichts gesagt wird, was gegen deren Meinung ist oder was deren “Ehre” oder Namen “beschmutzen” wuerde.
Eine Woche nach Veroeffentlichung habe ich noch einen kritischen Kommentar in einer englischsprachigen Zeitung gelesen, was denn jetzt passiere und ob ueberhaupt was passiere. Das war es dann auch schon. Das ist ziemlich typisch fuer Indien und ich glaub besonders fuer Kerala, dass solche Dinge ganz schnell hochkochen und ein riessen Skandal sind und nach einer Woche spricht niemand mehr darueber und alle haben es wieder vergessen.
Generell wuerde ich Kerala als einen sehr friedlichen und sicheren Staat beschreiben, wo man keine besondere Angst haben muss vor Anschlaegen oder Ueberfaellen, etc.
Allerdings passiert es schon manchmal, dass sich ein Mob bildet. Wenn das passiert, wird es oft unkontrolliert und dann kommt es entweder zu massiven Beschaedigungen oder es ist auch schon passiert, dass der Mob einen “vermutlichen” Verbrecher lyncht.
Das ist allerdings nicht die Tagesordnung und ich glaube, man muss sich schon mit den wirklich falschen Leuten abgebe, um in so eine Situation zu kommen…
Inzwischen hat Indien auch eine neue Präsidentin! Ja, sehr fortschrittlich, eine Frau! Sonia Gandhi, die Parteivorsitzende der regierenden Partei hat sie ins Boot geholt. Die neue Präsidentin, Pratibha Patil, gilt als treue Anhängerin Sonia Gandhis und gilt als nicht sehr “sauber”. Sie scheint in mehrere Korruptions- und Betrugsfälle verwickelt zu sein, aber dafür gibt es natürlich keine handfesten Beweise.
Der vormalige Präsident, Abdul Kalam, ein unverheirateter Muslim, war bei den Menschen sehr beliebt und geachtet, er wird auch “People’s President” genannt.
So, jetzt habe ich aber genug von Politik und Korruption und alledem :)
Nächste Woche Mittwoch kommt dann auch schon Ruben, mein Nachfolger. Dann kann ich erstmal Urlaub machen :) Nein Spaß, dann gibt es genug zu tun, zum einen müssen jede Menge Briefe übersetzt werden und zum anderen will ich Ruben natürlich ein wenig die Gegend etc. zeigen.
Noch eine kleine Info fuer alle, die mal nach Indien kommen… Wie man eine indische Toilette benutzt: http://www.pbase.com/jtodhunter/indian_toilet
Soweit so wenig von mir, viele Grüße
Tobias